Arbeitskreis Religionsgeographie
in der
Deutschen Gesellschaft für Geographie

Der Arbeitskreis Religionsgeographie in der Deutschen Gesellschaft für Geographie -
Bilanz 1983 bis 1998.

Publiziert in: Geographie - Tradition und Fortschritt. Hrsg. H. Karrasch (= HGG-Journal, Heidelberger Geographische Gesellschaft, Band 12), 1998, S. 269 - 272 (aktualisiert 2000)

Reinhard Henkel, Geographisches Institut Heidelberg

1. Geschichte und bisherige Aktivitäten

Die Religionsgeographie kann einerseits als Teilbereich der Kultur- oder der Sozialgeographie betrachtet werden, andererseits als zwischen der Religionswissenschaft und der Geographie stehendes interdisziplinäres Forschungsgebiet (HENKEL 1992). Seit den ersten grundlegenden Arbeiten von FICKELER (1947), DEFFONTAINES (1948) und SOPHER (1967) hatte in der deutschsprachigen Geographie in den siebziger Jahren zunächst vor allem Manfred Büttner, von der Disziplingeschichte der Geographie herkommend, im Grenzgebiet zwischen Geographie und Theologie/Religionswissenschaft gearbeitet (u.a. BÜTTNER 1985). Der Stand der Disziplin bis in die frühen siebziger Jahre wird von SCHWIND (1975) dargestellt. Büttner gründete zusammen mit Anneliese Sievers und Gisbert Rinschede am Rande des 44. Deutschen Geographentages 1983 in Münster/Westfalen den Arbeitskreis Religionsgeographie, damals noch im Zentralverband der Deutschen Geographen. Sievers hatte schon in den fünfziger und sechziger Jahren von einem sozialgeographischen Ansatz her den Einfluss der verschiedenen Religionsgruppen auf Raum und Landschaft Südasiens untersucht (u.a. SIEVERS 1958 und 1962), und Rinschede hatte begonnen, sich mit dem Religionstourismus zu beschäftigen. Der Arbeitskreis führte dann auf allen darauffolgenden Deutschen Geographentagen Sitzungen durch. Bis 1987 waren die drei obengenannten Personen seine Sprecher, von 1989 bis 1997 neben Rinschede Reinhard Henkel, der sich vor allem mit der Raumwirksamkeit christlicher Missionen in Afrika beschäftigte und dessen Habilitationsschrift zu diesem Thema 1989 als Band 3 der Schriftenreihe Geographia Religionum (s.u.) veröffentlicht wurde, und Werner Kreisel, dessen Hauptinteresse die Religion-Umwelt-Beziehungen im pazifischen Raum waren. Nach Ausscheiden des letzteren wurde 1997 Anton Escher weiterer Sprecher. Er arbeitet vor allem im islamischen Bereich. Geschäftsführender Sprecher war bis 1995 G. Rinschede, seither ist es R. Henkel. Außer diesen regelmäßigen Tagungen wurde 1988 in Eichstätt ein großes internationales und interdisziplinäres Symposium zur Religion/Umwelt-Forschung und 1995 in Regensburg eine Tagung zum Thema "Religiöse Gruppen in der Alten und Neuen Welt" durchgeführt.

Ein großer Teil der auf den Tagungen gehaltenen Referate wurde in der interdisziplinären, bisher 10 Bände umfassenden Schriftenreihe GEOGRAPHIA RELIGIONUM im Dietrich Reimer Verlag (Berlin) veröffentlicht, die seit dem 1985 erschienenen ersten Band so etwas wie das "Sprachrohr" des Arbeitskreises wurde. Herausgeber dieser Reihe waren und sind neben den Geographen Rinschede, Büttner (bis 1988), Sievers (bis 1994) und Henkel (seit 1995) der Religionswissenschaftler Karl Hoheisel (Bonn) und der Kirchenhistoriker Ulrich Köpf (Tübingen), was ihren interdisziplinären Charakter zum Ausdruck bringt. Schriftleiter der Reihe waren bzw. sind Th. Breitbach (bis Band 7) und J. Vossen (ab Band 8).

Es bestehen enge Kontakte mit dem US-amerikanischen Pendant des Arbeitskreises, der Specialty Group Geography of Religions and Belief Systems (GORABS) der Association of American Geographers, in deren Executive Board G. Rinschede einige Jahre war, sowie unter anderem zu Religionsgeographen in Indien, Japan, Italien, Russland, Rumänien, den Niederlanden und Israel.

2. Bisherige und zukünftige Themenbereiche und Fragestellungen

Um die im Arbeitskreis behandelten Themen zu analysieren und zu gewichten, wurden die mehr als 80 auf den Tagungen gehaltenen Vorträge und die 28 in GEOGRAPHIA RELIGIONUM publizierten Artikel und Monographien, die nicht von den Tagungen des Arbeitskreises stammen, in Themenbereiche kategorisiert. Danach ist der mit 35 Beiträgen am ausführlichsten bearbeitete Themenbereich der des Religionstourismus bzw. des Pilgerwesens, dem u.a. die Bände 4, 5 und 8 der GEOGR. REL. gewidmet sind. Am Beispiel von vielen Pilgerzentren in aller Welt und in allen großen Religionen wurden der Umfang von Pilgerströmen und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft- und Sozialstruktur untersucht. Hier ist die Prägekraft der Religion im Raum offensichtlich. In manchen Teilen der Welt stellt der Pilgertourismus sogar die dominierende Art des Tourismus dar (RINSCHEDE 1990, 1992). Der quantitativ zweitwichtigste Untersuchungsbereich (20 Beiträge) ist der der räumlichen Verbreitung von Religionsgruppen und die Untersuchung von religiösen Minderheiten. Die Dokumentation der Verbreitung (im statischen wie im dynamischen Sinn) kann zwar nicht Hauptgegenstand einer Religionsgeographie sein, ist aber Grundlage für viele Arbeiten. Die Frage nach den Gründen und Bedingungen von Ausbreitungs-, aber auch Schrumpfungsvorgängen wird immer wieder gestellt werden müssen. Eine Analyse der "religiösen Landschaft" (im engeren, räumlichen Sinne der Verbreitung der Religionsgemeinschaften) in Deutschland wird derzeit von R. Henkel durchgeführt. Zum Thema religiöse Minderheiten am Beispiel der Amischen erschien etwa die Dissertation von J. Vossen als Band 9 in GEOGR. REL.

Nach diesen beiden Untersuchungsthemen folgen der Häufigkeit nach die Bereiche Religionswandel und Mission (15), Religion und Landschaft bzw. Stadt (12) sowie der Einfluss von Religion auf Wirtschaft und "Entwicklung" (9). Der Rest sind allgemeine und theoretische Themen zur Geschichte und Stellung der Disziplin. Sehr wenig hat sich der Arbeitskreis mit der Thematik Umweltethik und Ökologische Theologie beschäftigt, eine Tatsache, die auch darin begründet liegt, dass naturgemäß kaum Physische Geographen mitarbeiten. Dieser Themenkomplex könnte jedoch für die Geographie, deren zentrales Thema immer das Mensch-Umwelt-Verhältnis war, eine Herausforderung darstellen (DOUGHTY 1981). Ein weiteres Thema im Blickfeld des Arbeitskreises ist die Frage nach den Gründen für das räumlich differenzierte Ausmaß der Säkularisierung einerseits und der Zunahme fundamentalistischer Strömungen andererseits, und zwar sowohl im Weltmaßstab als auch innerhalb von Staaten. Es steht im Zusammenhang mit der Diskussion um den "Kampf der Kulturen". Die etwa von HUNTINGTON (1996) unterschiedenen Kulturen sind überwiegend stark von Religionen geprägt oder sogar durch sie definiert.

Die Religionsgeographie, von der A.HETTNER (1931, 411) einmal sagte, sie sei "der schwerste und heikelste Teil geographischer Betrachtung", hat immer nur einzelne Geographen interessiert. Oft waren und sind die Publikationen dementsprechend nur "Nebenprodukte" siedlungs-, wirtschafts- oder sozialgeographischer Forschungen. Die Aufstellung einheitlicher Fragestellungen ist dadurch erschwert. Die Entwicklung eines einheitlichen methodisches Gerüstes oder gar Theoriebildungen, auf die man sich beziehen konnte, sind bisher nicht gelungen. Dies wird auch in den überwiegend auf der englischsprachigen Literatur basierenden "state of art"-Artikeln von SOPHER (1981) und KONG (1990) beklagt. Religionsgeographische Tagungen, z.B. auch das vom Arbeitskreis 1988 in Eichstätt durchgeführte große internationale und interdisziplinäre Symposium zur Religion/Umwelt-Forschung (Referate veröffentlicht in der Schriftenreihe GEOGRAPHIA RELIGIONUM, Bände 6 und 7, einige auch in den Bänden 5 und 8 sowie in BÜTTNER 1989), oder auch Lehrbücher (etwa PARK 1994, RINSCHEDE 1999) stellen sich oft als eine bunte, vielfältige Ansammlung von Themen dar.

Bei den im Rahmen des Arbeitskreises durchgeführten und geplanten Untersuchungen ist es wie im gesamten Bereich der Religionsgeographie keine Frage, dass die Betrachtung auf Weltanschauungen, Geisteshaltungen, Ideologien und "Ersatzreligionen" auszuweiten ist. Dagegen wird die Frage weiter diskutiert, ob Religionsgeographie lediglich die Einflüsse von Religion auf den Raum bzw. die Umwelt zum Gegenstand hat oder auch die Wirkungen in der umgekehrten Richtung untersucht werden sollten, also die Frage, wie Raum, Umwelt bzw. Landschaft religiöse bzw. weltanschauliche Vorstellungen prägen.

Literatur:

RINSCHEDE (1999) enthält eine umfangreiche Bibliographie. Für den englischsprachigen Bereich ist auf die Bibliographie in PARK (1994) zu verweisen. Weitere hier zitierte Literatur:

BÜTTNER, M. (1985): Zur Geschichte und Systematik der Religionsgeographie. In: BÜ;TTNER, M. et al. (Hrsg.): Grundfragen der Religionsgeographie (= Geographia Religionum, Bd. 1). - Berlin. 11-121.

BÜTTNER, M. (Hrsg.)(1989): Religion/Umwelt-Forschung im Aufbruch. (= Abhandl. z. Geschichte der Geowissenschaften und Religion/Umwelt-Forschung, Bd. 2). - Bochum.

DOUGHTY, R.W. (1981): Environmental theology; trends and prospects in Christian thought. - In: Progress in Human Geography 5. - 234-248.

HENKEL, R. (1992): Religionsgeographie. In: FAHLBUSCH, E. et al. (Hrsg.): Evangelisches Kirchenlexikon , 3. Aufl. - Göttingen, Zürich. Band 3, 1551-1553.

HETTNER, A. (1931): Der Orient und die orientalische Kultur. - In: Geogr. Zeitschrift 37. - 401-414.

HUNTINGTON, S.P. (1996): Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. - München, Wien.

KONG, L.L. (1990): Geography and religion: trends and prospects. - In: Progress in Human Geography 14. - 355-371.

KREISEL, W. (Hrsg.)(1988): Geisteshaltung und Umwelt. (= Abhandl. z. Geschichte der Geowissenschaften und Religion/Umwelt-Forschung, Bd. 1).- Aachen.

PARK, C. (1994): Sacred Worlds. An introduction to Geography and Religion. - London.

Religion und Wirtschaftsethik (1996). Themenheft der Geographischen Rundschau 48(6).

Religionen prägen Räume (1992). Themenheft von Geographie heute, Heft 106.

Religionen und Ideologien (1989). Themenheft von Praxis Geographie 19(9).

RINSCHEDE, G. (1990): Religionstourismus. In: Geographische Rundschau 42(1). - 14-21.

RINSCHEDE, G. (1992): Pilgrimage and other Forms of Religious Tourism. - In: Annals of Tourism Research 19. - 51-67.

RINSCHEDE, G. (1999): Religionsgeographie. Das Geographische Seminar. Braunschweig.

SINGH, R.L./SINGH, R.P.B. (eds.) (1987): Trends in the Geography of Belief Systems. (= Research Publication Series, The National Geographical Society of India, 34). - Varanasi.

SOPHER, D.E. (1981): Geography and religion. In: Progress in Human Geography 5. - 510-524.

last updated: 25.3.2007
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