Religionsgeographie auf dem Deutschen Geographentag 2009 in Wien
19. - 26 September 2009):
1. Fachsitzung 61: Wandlungsprozesse der Religion in lokalen und globalen Kontexten,
Mittwoch, 23.9.2009, 8:30 Uhr - 11:30 Uhr
Ort der Veranstaltung: Hauptgebäude der Universität (Ecke Universitätsstraße/Dr. Karl-Lueger-Ring),
Hörsaal 24 (Südseite des Hauptgebäudes, Stiegen 1, 5 und 7)
Leitung: Reinhard Henkel (Heidelberg) und Thomas Schmitt (Bonn)
Dem Faktor "Religion" kommt bei der Analyse weltweiter sozialer und politischer Wandelsprozesse in den letzten Jahren eine immer größere Aufmerksamkeit zu. Gleichzeitig verändert sich auch die soziale Gestalt der Religionen in einer fundamentalen, für die Moderne spezifischen Weise. Regional scheint der religiöse Wandel dabei äußerst unterschiedlichen Pfaden zu folgen: Während z.B. in Europa die "Säkularisierung" nach wie vor fortschreitet, werden in den USA gigantische "Mega-Churches" errichtet, in Lateinamerika ist eine zunehmende Protestantisierung ehemals katholisch dominierter Gesellschaften zu beobachten, und immer öfter sind weltweit die Brennpunkte sozialer oder politischer Konflikte auch mit dem Auftreten eines religiösen "Fundamentalismus" assoziiert.
In dieser Fachsitzung wollen wir fragen, wie sich diese bemerkenswerten Disparitäten religiösen Wandels verstehen und erklären lassen. Dies soll sowohl auf einer theoretischen Ebene als auch durch exemplarische Fallstudien geschehen. Eine Schlüsselstellung kommt dabei der Frage zu, ob sich dieser räumlich äußerst disparate Wandel noch durch eine einzige, auf der globalen Maßstabsebene ansetzende Theorie fassen lässt, oder ob die zu beobachtende Fragmentierung gesellschaftlicher Entwicklung im Hinblick auf religiöse Systeme ihren Niederschlag auch in einer regional differenzierten Pluralisierung theoretischer Ansätze finden muss.
Programm:
8:30 - 8:35 Uhr Einführung
8:35 - 9:00 Uhr Ceri Peach (Oxford): Does religion unite? Intra-ethnic segregation of Muslims in London 2001
9:00 - 9:25 Uhr Edgar Wunder (Heidelberg): Säkularisierung als globaler Prozess
9:25 - 9:45 Uhr Diskussion
9:45 - 10:10 Uhr Pause
10:10 - 10:35 Uhr Paul Reuber (Münster): Der Tibet-Konflikt: Kampf um Autonomie für eine Kultur der Wehrlosigkeit?
10:35 - 11:00 Uhr Matthias Schmidt (Berlin): Zwischen Wodka und Koran: Re-Islamisierung im postsowjetischen Kirgistan oder Muslime nur auf dem Papier?
11:00 - 11:20 Uhr Diskussion
11:20 - 11:25 Uhr Resümee durch die Sitzungsleitung
2. Arbeitskreis-Sitzung des Arbeitskreises Religionsgeographie
Mittwoch, 23.9.2009, 13:30 - 16:30 Uhr
Aktuelle Forschungsarbeiten in der Religionsgeographie
Ort der Veranstaltung: Hauptgebäude der Universität (Ecke Universitätsstraße/Dr. Karl-Lueger-Ring),
Hörsaal 50 (Nordseite des Hauptgebäudes, 2. Stock, Stiege 8)
Leitung: Edgar Wunder (Heidelberg)
13:30 – 14:00 Uhr Hanna Laura Bauschke (Universität Heidelberg): Moscheebau-Konflikte in Köln
14:00 – 14:30 Uhr Peter Dirksmeier (Humboldt-Universität Berlin): Esoterik als urbanes Phänomen? Die Urbanisierung in Deutschland aus dem Blickwinkel esoterischer Religionspraktiken
14:30 – 14:45 Uhr Pause
14:45 – 15:15 Uhr Konrad Tyrakowski (Universität Eichstätt): Die Rolle der Franziskaner bei der Gestaltung der Kulturlandschaft des Hochlands von Puebla-Tlaxcala/Mexiko im 16. Jahrhundert
15:15 – 15:45 Uhr Edgar Wunder & Reinhard Henkel (Universität Heidelberg): Lokale Religionsgeographien: Heidelberg und Mannheim im Vergleich
15:45 Uhr: Mitgliederversammlung des AK Religionsgeographie
Abstracts der Referate in der Fachsitzung:
Ceri Peach (Oxford): Does religion unite? Intra-ethnic segregation of Muslims in London, 2001
Both the media and Muslim politicians tend to represent British Muslims as a homogeneous
society in which religion over-rides all ethnic differences. Ethno-religious ward-level
for London from the 2001 census allow us to test the question of whether Islam binds together
peoples of different ethnicity or whether ethnicity links South Asians despite religious differences.
The paper demonstrates that there are significantly high levels of intra Muslim segregation.
Edgar Wunder (Heidelberg): Säkularisierung als globaler Prozess
Nicht Säkularisierung, sondern eine "Wiederkehr der Religion", eine "post-säkulare Gesellschaft"
sei ein heute vorherrschender globaler Trend. Diese immer wieder kolportierte Behauptung
hat die Form eines Mythos, einer Erzählung, die sich um eine sorgfältige Theoriediskussion
ebenso wenig kümmert wie um saubere Empirie. Darin unterscheidet sie sich nicht vom
vorausgehenden Mythos eines nahen Aussterbens der Religion aufgrund ihrer angeblichen
Unvereinbarkeit mit der Moderne.
Hinter dem Begriff "Säkularisierung" verbirgt sich ein facettenreiches, komplexes
Theoriegebäude, das anhand von Analysen europäischer Gegenwartsgesellschaften erst
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts systematisch ausgearbeitet wurde. Nach wie
vor lassen sich damit Transformationsprozesse der Religion in Europa sehr gut beschreiben,
obgleich unterschiedliche "Säkularisierungspfade" unterschieden werden müssen, die
historisch bedingt sind. Die große Frage ist jedoch, ob bzw. in welchem Maße sich
diese theoretischen Konstrukte auch auf außereuropäische Gesellschaften erfolgreich anwenden
lassen. Kann der räumlich offenbar äußerst disparate Wandel von Religion noch durch eine
einzige Theorie gefasst werden, die auf der globalen Maßstabsebene ansetzt? Der Vortrag
beantwortet diese Frage zumindest teilweise mit "Ja" und nimmt dabei auf säkularisierungstheoretische
Ansätze Bezug. Begründet wird dies durch die global wirksame Rolle des Kapitalismus,
der von Europa ausgehend auch die Religion einem hegemonialen Regime unterworfen hat,
das Rahmenbedingungen setzt, die nicht beliebig sind, aber verschiedene Entwicklungspfade zulässt.
Paul Reuber (Münster): Der Tibet-Konflikt: Kampf um Autonomie für eine Kultur der Wehrlosigkeit?
In Tibet wird der Kampf um die Autonomie der Region im öffentlichen Diskurs sehr
stark mit dem Argument der kulturellen Eigenständigkeit der im tibetischen Buddhismus
verwurzelten Bevölkerung geführt. Vor diesem Hintergrund ist der Bezug auf den Buddhismus
hier nicht nur ein spirituelles Element der Lebensweise, sondern Symbol und Handlungsstrategie
eines aktiven und konfliktreichen politischen Projektes. Dieses Anliegen, das auch aus
der Sicht westlicher Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung eine breite Zustimmung findet,
steht in einem gewissen Widerspruch zu spirituellen Kernaussagen des Buddhismus, der sich
in seinen meditativen Praktiken generell eher der Auflösung dualer Konzeptionen des
Gesellschaftlichen und des Selbst widmet. In diesem Widerspruch liegt ein Spannungsfeld gebunden,
das sich bis in die öffentlichen Auftritte des Dalai Lama durchpaust, die immer wieder den
Spagat zwischen einer politischen Positionierung/Instrumentalisierung des Buddhismus und
dem Bemühen um spirituelle "Reinheit" der Lehre aufscheinen lassen. Der Vortrag stellt
dieses Spannungsfeld am Beispiel der Analyse ausgewählter Referenztexte dar und problematisiert
im Fokus des Kampfes um mehr Autonomie für Tibet das in diesem Falle schwierige Verhältnis
zwischen Religion, Politik und Raum.
Matthias Schmidt: Zwischen Wodka und Koran: Re-Islamisierung im postsowjetischen Kirgistan oder Muslime nur auf dem Papier?
Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Kirgistans bekennt sich zum Islam. Dies ist erstaunlich
angesichts der späten und vermeintlich nur oberflächlichen Islamisierung des Landes sowie der
atheistischen Sowjetpropaganda, denen die kirgisische Gesellschaft über sieben Jahrzehnte
ausgesetzt war. Handelt es sich also nur um Muslime auf dem Papier oder führt die in der
Verfassung garantierte Religionsfreiheit zu einer Renaissance islamischer Werte und Institutionen?
Fest verankerte muslimische Traditionen bei Lebenszyklusfesten stehen offensichtlichem
Nichtbefolgen islamischer Ge- und Verbote gegenüber. Islamistische Gruppierungen ringen mit
Missionaren westlicher Erweckungskirchen und Anhängern naturreligiöser Glaubensvorstellungen
um die Seelen der Kirgisen. Der Vortrag analysiert diese Widersprüche und zeigt potentielle
Konfliktkonstellationen in dem multi-ethnischen Kirgistan auf.
2. Arbeitskreis-Sitzung des Arbeitskreises, Thema: "Aktuelle Forschungsarbeiten in der Religionsgeographie", Sitzungsleitung Edgar Wunder (Heidelberg)
Dies wird eine thematisch weitgehend offene Sitzung, die zur Präsentation und intensiven Diskussion aktueller empirischer Arbeiten aus dem Themenfeld der Religionsgeographie genutzt werden soll. Vor allem jüngere GeographInnen werden zu Wort kommen. Durch die vergleichende Diskussion der in den Arbeiten gewählten unterschiedlichen methodischen und theoretischen Ansätze sollen ein šberblick zum heutigen Diskussionsstand in der Religionsgeographie gegeben werden.
last updated: 27.8.2009
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